„MUSS DAS AM WOCHENENDE SEIN?“ Am 25.1.2020

Ein Großbrand, eine Gasexplosion in einem Wohnhaus oder ein Katastrophenfall mit vielen Verletzten: Auf dem Festland erhalten die Rettungskräfte innerhalb kurzer Zeit Unterstützung aus den Nachbargemeinden. Auf den Inseln ist das nicht möglich, im Ernstfall sind Feuerwehr und Rettungsdienst zunächst auf sich allein gestellt. Der Katastrophenschutz des Landkreises Wittmund und der Rettungsdienst Mittelhessen beauftragten deshalb die Firma FARS (Fire and Rescue System) des Langeoogers Kim David Ihnen, die Rettungskräfte vor Ort für diese speziellen Anforderungen zu schulen. Als erste Maßnahme dieser halbjährlich geplanten Schulungen fand am vergangenen Samstag mit der Langeooger Feuerwehr, dem Rettungsdienst und der Polizei eine Fortbildung in Erster Hilfe mit den Schwerpunkten Patientenversorgung und Großschadensfall statt; anschließend folgte die praktische Durchführung im Rahmen einer Großübung.

Damian Dietrich, mehrere Jahre Notfallsanitäter und jetzt Ausbilder bei FARS, übernahm die Erste Hilfe Schulung. Im Falle einer Großschadenslage mit mehreren Verletzten bilden die Rettungskräften vor Ort die Schnittstelle zwischen Erster Hilfe und Notfallmedizin. Bis Hilfe eintrifft, müssen sie mit beschränkten Mitteln an Personal und Material die Bergung und Erstversorgung einleiten, was eine Priorisierung der medizinischen Leistungen, die Triage, notwendig macht. Nach einer Mittagspause folgte dann die praktische Einweisung an einem Anhänger zur Notfallmedizinischen Einsatzverstärkung, der seit Kurzem im neuen Feuerwehrgebäude stationiert ist.

Währenddessen bereiteten Daniela Peters von der Feuerwehr und Kim David Ihnen von FARS den Einsatzort für die Übung vor. Unterstützung bekamen sie von zwei Spezialisten zur Realitätsnahen Unfall- und Notfall-Darstellung. Geske Peters und Reiner Patzak, die normalerweise in der Gegend um Celle bei der DLRG und dem DRK als Ausbilder tätig sind, hatten den Aufruf gelesen, in dem DarstellerInnen für die Opfer einer Gasexplosion gesucht wurden, und spontan einen privaten Kurztrip auf die Insel gemacht, um ihre Mithilfe anzubieten. Als Unfallopfer hatten sich Birgit Aukes, Heinz Buschmann sowie Eva und Peter Funke zur Verfügung gestellt. Und natürlich der stumme Herr Meier oder Mayer, der Dummy, der – mit Kunstblut und aufgeschminkten Wunden schwerst verletzt zurechtgemacht – in unmittelbarer Nähe des Explosionsortes platziert wurde. Das Szenario sah eine Gasexplosion in einem Mehrfamilienhaus mit Feuer und starker Rauchentwicklung sowie mehreren zu bergenden Verletzten mit Inhalationstrauma, amputiertem Finger, Frakturen, arterieller Blutung und Schock vor.

Endlich ist das Martinshorn des erstens Einsatzfahrzeuges zu hören. Die Minuten von der Auslösung des „Alarms“ bis zum Eintreffen des RTWs scheinen endlos. Jan Buschmann und Christian Dwenger vom Rettungsdienst Mittelhessen sind die Ersten vor Ort und übernehmen die Einsatzkoordination. Das Szenario sieht verdammt echt aus. Und die Feuerwehrfrauen und -männer geraten auch gleich beim Eintreffen unter Stress. Rauch, Feuerschein und eine offensichtlich unter Schock stehende Frau kommt schreiend auf die Straße gerannt. „Alles ist voll Blut!“, schreit sie. Sie will unbedingt zurück, um jemand zu retten. Äußerlich scheint sie nicht verletzt, muss aber von zwei Feuerwehrleuten beruhigt und zum Behandlungszelt gebracht werden, das die Kameradinnen und Kameraden inzwischen aufgebaut haben. Ruhig ist heute nur Dummy Meier oder Mayer, der „bewusstlos“ in seiner Blutlache liegt. Die anderen Verletzten wimmern, rufen um Hilfe, stöhnen vor Schmerzen.

Die beiden Atemschutzgeräteträger, die als erste zur Erkundung hineingeschickt werden, beneidet man nicht in dieser Situation. Sie fordern Verstärkung an, einen Sanitäter – negativ. Alle anderen Kräfte sind gebunden. Bis auf Weiteres sind sie auf sich alleine gestellt.

Auf der Straße haben sich besorgte AnwohnerInnen eingefunden. Der Hinweis, dass es sich um eine Einsatzübung handelt, scheint einige nicht wirklich zu beruhigen. Eine Anwohnerin beschwert sich harsch bei der ebenfalls anwesenden Polizistin: „Muss das am Wochenende sein?“ Hauptkommissarin Gabi Kratt bleibt ruhig: „Wann sollen sie ihrer Meinung nach denn üben? Die sind alle berufstätig.“

Nach gut einer Stunde ist das Behandlungszelt warm, die Verletzten sind versorgt, und die Übung ist zu Ende. Es wird zur Nachbesprechung gesammelt. Die Kameradinnen und Kameraden nehmen die Helme ab. Rote verschwitzte Gesichter kommen zum Vorschein. Die einzelnen Abläufe werden noch einmal durchgesprochen. Dann heißt es die Ausrüstung wieder einsatzklar machen.

Und erst danach beginnt für alle Beteiligten, die ihre Freizeit geopfert habe, um im Ernstfall anderen helfen zu können, das Wochenende.

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